Strafrecht in Deutschland: Führungszeugnis, Strafanzeige, Notwehr und Erlaubnisse

Das deutsche Strafrecht ist Bundesrecht. Das Strafgesetzbuch, die Strafprozessordnung und die Spezialgesetze darum herum gelten in allen sechzehn Bundesländern identisch, anders als etwa im Miet- oder Hundehalterrecht gibt es also kein Landesgesetz, das eine abweichende Regel aufstellt. Was variiert, ist die Vollzugspraxis, dazu kommt eine einzige, aber echte Ausnahme: Ermächtigt ein Bundesgesetz die Länder ausdrücklich zur eigenen Gesetzgebung, wie § 42 Abs. 5 Nr. 3 WaffG es für Messer im örtlichen und regionalen Nahverkehr tut, hängt die Antwort tatsächlich vom jeweiligen Land ab.
Diese Übersichtsseite behandelt die Bereiche, mit denen eine gewöhnliche Einwohnerin oder ein gewöhnlicher Einwohner tatsächlich in Berührung kommt: das Zeugnis, das ein Arbeitgeber verlangt, was geschieht, wenn Sie eine Straftat anzeigen oder selbst angezeigt werden, wann Gewaltanwendung rechtmäßig ist, und die drei Erlaubnisregime, bei denen die Alltagsannahme in jedem Fall falsch ist.
Informationen zuletzt geprüft am 20. Juli 2026. Diese Seite enthält allgemeine rechtliche Informationen und stellt keine Rechtsberatung im Einzelfall dar.
Das Zeugnis, das ein Arbeitgeber verlangt
Das Führungszeugnis ist das Dokument, das die meisten Menschen in diesem Bereich tatsächlich benötigen, und das Wichtigste vorab ist, was darin fehlt.
Nach § 32 Abs. 2 BZRG wird eine Verurteilung bis zu 90 Tagessätzen oder bis zu drei Monaten Freiheitsstrafe überhaupt nicht aufgenommen, sofern es sich um die einzige Eintragung im Register handelt. Eine einzelne, geringfügige Verurteilung führt deshalb häufig zu einem sauberen Zeugnis.
Für den weiteren Verlauf gelten zwei getrennte BZRG-Fristensysteme, und deren Vermischung ist der häufigste Fehler zu diesem Thema. § 34 BZRG bestimmt, wie lange eine Verurteilung im Zeugnis sichtbar bleibt, gestaffelt nach 3, 5, 10 und 20 Jahren. § 46 BZRG bestimmt die Tilgungsfrist für die Löschung aus dem Bundeszentralregister selbst, und diese kennt eine Stufe von 15 Jahren.
Die ausführliche Seite dazu: Was das Führungszeugnis zeigt und was es auslässt.
Eine Straftat anzeigen, und was danach geschieht
Eine Strafanzeige ist die Mitteilung, dass möglicherweise eine Straftat begangen wurde. Sie kann von jedermann gegen jede Person erstattet werden, bei einer Polizeidienststelle, der Staatsanwaltschaft oder einem Amtsgericht.
Ein Strafantrag ist etwas anderes. Bei einem Antragsdelikt, und viele der Straftaten, mit denen eine gewöhnliche Person in Berührung kommt, sind Antragsdelikte, benötigt die Strafverfolgung einen Antrag der berechtigten Person innerhalb von drei Monaten nach § 77b StGB. Diese Frist läuft ab Kenntnis von der Tat und der Person des Täters, und wer sie versäumt, dem bleibt der strafrechtliche Weg verschlossen, wie stichhaltig die Sache auch sein mag.
Ist die Anzeige einmal erstattet, entscheidet die Staatsanwaltschaft und nicht die anzeigende Person, wie es weitergeht. Die meisten Anzeigen enden mit einer Einstellung statt mit einer Anklage, und eine Strafanzeige ist kein Weg zu einer Entschädigung.
Die ausführliche Seite dazu: Wie eine Strafanzeige funktioniert und was danach geschieht.
Wann Gewaltanwendung rechtmäßig ist
§ 32 StGB ist weiter gefasst, als die meisten Leserinnen und Leser erwarten, und enger, als das Internet suggeriert. Er erlaubt die zur Abwehr eines gegenwärtigen rechtswidrigen Angriffs erforderliche Verteidigung, und das deutsche Recht verlangt von der verteidigenden Person weder ein Zurückweichen noch eine Abwägung des angerichteten Schadens gegen den drohenden Schaden, wie es ein angloamerikanischer Verhältnismäßigkeitstest tun würde.
Was das Gesetz stattdessen verlangt, ist die Gebotenheit, eine Grenze, die die deutschen Gerichte entwickelt haben, um Fälle wie ein grobes Missverhältnis der betroffenen Interessen oder einen von der verteidigenden Person selbst provozierten Angriff auszuschließen. § 33 StGB erfasst dann das Überschreiten dieser Grenzen aus Verwirrung, Furcht oder Schrecken.
Die ausführliche Seite dazu: Wie die Notwehr nach § 32 StGB funktioniert.
Die drei Erlaubnisregime, die häufig missverstanden werden
Alle drei sorgen aus demselben Grund für Überraschungen: Die Alltagsannahme stimmt nicht mit dem Gesetz überein.
| Die verbreitete Annahme | Was das Gesetz tatsächlich sagt |
|---|---|
| Ein Waffenschein erlaubt den Besitz einer Waffe | Besitz und Führen sind getrennte Erlaubnisse, und am Bedürfnisnachweis nach § 8 WaffG scheitern fast alle privaten Antragstellenden. Siehe Waffenschein und kleiner Waffenschein |
| Messer sind jetzt im öffentlichen Nahverkehr verboten | Die Regeln von 2024 bestehen aus drei eigenständigen Vorschriften, und der örtliche und regionale Nahverkehr ist bundesrechtlich überhaupt nicht erfasst. Siehe Messerrecht |
| Cannabis ist in Deutschland legal | Das KCanG ist ein Verbot mit klar definierten Ausnahmen, mit Mengenbegrenzungen und einem gesonderten Konsumregime. Siehe Cannabisrecht |
Wo das Strafrecht auf andere Themen dieser Seite trifft
Mehrere Themen, die auf den ersten Blick strafrechtlich wirken, werden an anderer Stelle im Deutschland-Bereich ausführlicher behandelt, weil die Straftat nur die halbe Frage ist.
| Die Frage | Wo sie beantwortet wird |
|---|---|
| Ist die Aufnahme eines Gesprächs eine Straftat | § 201 StGB und der Aufnahmerecht-Bereich |
| Kann eine rechtswidrig erstellte Aufnahme trotzdem vor Gericht verwendet werden | heimliche Aufnahmen als Beweismittel |
| Ist das Fotografieren einer Person ohne Einwilligung eine Straftat | Bildaufnahmedelikte |
| Ist eine falsche Aussage über mich eine Straftat | der Bereich zum Äußerungsrecht |
| Welche Fahrfolgen hat Cannabiskonsum | Cannabis und Fahren |
| Was geschieht nach einer Unfallflucht | Unfallflucht |
Für den größeren Überblick über das deutsche Recht, die Gerichte und weitere Rechtsthemen siehe Deutsches Recht im Überblick.
Häufig gestellte Fragen
Unterscheidet sich das Strafrecht zwischen den Bundesländern?
Nein. Das Strafgesetzbuch, die Strafprozessordnung, das Waffengesetz, das Bundeszentralregistergesetz und das Konsumcannabisgesetz sind sämtlich Bundesrecht und gelten in allen sechzehn Bundesländern identisch. Was zwischen den Ländern variiert, ist die Vollzugspraxis und, in wenigen Bereichen wie dem Messerführen im Nahverkehr, ob ein Land eine ihm vom Bundesgesetz eingeräumte Befugnis genutzt hat.
Erscheint eine einzelne Verurteilung auf meinem Führungszeugnis?
Nicht zwingend. Nach § 32 Abs. 2 BZRG wird eine Verurteilung bis zu 90 Tagessätzen oder bis zu drei Monaten Freiheitsstrafe überhaupt nicht aufgenommen, sofern es die einzige Eintragung im Register ist. Eine zweite Eintragung verändert diese Beurteilung, weshalb es sich lohnt, die Regel zu verstehen, statt vom schlimmsten Fall auszugehen.
Warum nennen manche Quellen 15 Jahre und andere nicht?
Weil es zwei unterschiedliche BZRG-Fristensysteme gibt. § 34 BZRG regelt, wie lange eine Verurteilung im Führungszeugnis sichtbar bleibt, mit Stufen von 3, 5, 10 und 20 Jahren. § 46 BZRG regelt die Tilgung aus dem Bundeszentralregister selbst und kennt dabei eine Stufe von 15 Jahren. Quellen, die für das Zeugnis 15 Jahre nennen, haben den Wert aus der falschen Vorschrift übernommen.
Was ist der Unterschied zwischen einer Strafanzeige und einem Strafantrag?
Eine Strafanzeige ist die Mitteilung, dass möglicherweise eine Straftat begangen wurde, und sie kann jederzeit von jeder Person erstattet werden. Ein Strafantrag ist ein förmlicher Antrag, der für ein Antragsdelikt erforderlich ist und von der berechtigten Person innerhalb von drei Monaten nach § 77b StGB gestellt werden muss, gerechnet ab Kenntnis von der Tat und der Person des Täters. Wer die Strafantragsfrist versäumt, dem bleibt der strafrechtliche Weg verschlossen, wie stichhaltig die Sache auch sein mag.
Muss ich in Deutschland zurückweichen, bevor ich mich verteidige?
Das deutsche Recht kennt keine Pflicht zum Zurückweichen, und § 32 StGB verlangt von der verteidigenden Person keine Abwägung des angerichteten Schadens gegen den drohenden Schaden, wie es ein angloamerikanischer Verhältnismäßigkeitstest tun würde. Die Verteidigung muss erforderlich sein, und sie wird durch die Gebotenheit begrenzt, mit der die deutschen Gerichte Fälle wie ein grobes Missverhältnis der Interessen oder einen von der verteidigenden Person provozierten Angriff ausschließen. Die Beurteilung richtet sich stets nach den Umständen des Einzelfalls.
Kann eine gewöhnliche Person in Deutschland einen Waffenschein erhalten?
Selten. Der Besitz und das Führen einer Schusswaffe sind getrennte Erlaubnisse, und der Waffenschein setzt ein Bedürfnis nach § 8 WaffG voraus, das das Gesetz eng definiert. Der kleine Waffenschein ist ein anderes, deutlich leichter zugängliches Dokument, deckt aber nur Schreckschuss-, Reizstoff- und Signalwaffen mit PTB-Kennzeichen ab, nicht scharfe Schusswaffen.
Sind Messer in Zügen und Bussen in Deutschland verboten?
Nicht einheitlich. Das Paket von 2024 hat drei getrennte Regeln geschaffen: ein Verbot bei Veranstaltungen nach § 42 Abs. 4a WaffG, ein unmittelbares bundesrechtliches Verbot im Fernverkehr mit Bahn und Bus nach § 42b WaffG, und eine Ermächtigung der Länder zur Gesetzgebung für den örtlichen und regionalen Nahverkehr nach § 42 Abs. 5 Nr. 3 WaffG. Der Nahverkehr ist deshalb bundesrechtlich nicht erfasst, sodass die Antwort vom jeweiligen Land abhängt.
Ist Cannabis in Deutschland jetzt legal?
Das Konsumcannabisgesetz lässt sich treffender als Verbot mit klar definierten Ausnahmen beschreiben denn als Legalisierung. Der Besitz ist auf 25 g im öffentlichen Raum und 50 g in der Privatwohnung begrenzt, der private Eigenanbau ist auf drei Pflanzen gedeckelt, und der Konsum wird gesondert durch § 5 KCanG geregelt, der einschränkt, wo er stattfinden darf. Die Fahrfolgen bilden wiederum ein eigenes Regime.
Quellen und Referenzen
- § 32 BZRG, Aufnahme von Verurteilungen in das Führungszeugnis(gesetze-im-internet.de).gov
- § 34 BZRG, Länge der Frist(gesetze-im-internet.de).gov
- § 46 BZRG, Länge der Tilgungsfrist(gesetze-im-internet.de).gov
- § 30 BZRG, Antrag auf Erteilung eines Führungszeugnisses(gesetze-im-internet.de).gov
- § 32 StGB, Notwehr(gesetze-im-internet.de).gov
- § 33 StGB, Überschreitung der Notwehr(gesetze-im-internet.de).gov
- § 77b StGB, Antragsfrist(gesetze-im-internet.de).gov
- § 158 StPO, Strafanzeige, Strafantrag(gesetze-im-internet.de).gov
- § 8 WaffG, Bedürfnis, allgemeine Grundsätze(gesetze-im-internet.de).gov
- § 42a WaffG, Verbot des Führens von Anscheinswaffen und bestimmten tragbaren Gegenständen(gesetze-im-internet.de).gov
- § 42b WaffG, Verbot des Führens von Messern in Zügen und Bussen des Fernverkehrs(gesetze-im-internet.de).gov
- § 3 KCanG, Erlaubter Besitz von Cannabis(gesetze-im-internet.de).gov
- § 5 KCanG, Konsumverbote(gesetze-im-internet.de).gov
- Bundesamt für Justiz, Führungszeugnis(bundesjustizamt.de).gov
- § 19 WaffG, Bedürfnis von Jägern(gesetze-im-internet.de).gov